Zurück zur Homepage

Chronik der TSG Reiskirchen, gegründet am 1. August 1908 als Turnverein

 

 

Aller Anfang ist schwer

 

Dieses Wort trifft im besonderen Maße auf die Vereinsgründung vor und um die Jahrhundertwende zu. Sicherlich war im damaligen Kaiserreich die Bereitschaft vieler junger Männer zum Turnen vorhanden, zumal darin eine gewisse vormilitärische Ausbildung gesehen wurde. Die äußeren Vorrausetzungen fehlten allerdings vollkommen: keine Geräte, kein Übungsplatz, keine Turnhalle, keine Mittel – ganz zu schweigen von einer Unterstützung durch die öffentliche Hand – und bei der damaligen 60 Stunden-Arbeitswoche wohl auch kaum Zeit zum Üben.

 

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg !

 

Nicht nur, dass junge Männer frei von des Tages Last ihre Körper betätigen, ihre Muskeln stärken und sich mit anderen im Wettkampf messen wollten, auch wenn die Zeit noch so knapp war. Nein, es waren auch einige ältere Bürger, die den erzieherischen Wert des Turnens und seine Einwirkung auf die geistig-seelische Haltung des Menschen erkannten.

 

So wundert es nicht, dass gleich auf der ersten Seite des noch erhaltenen damaligen Protokollbuches zu lesen ist: "Das älteste Mitglied des Vereins, Lehrer Eisfeller, eröffnete die Versammlung. (Anmerkung des Chronisten: Ein Gründungsprotokoll ist nicht vorhanden. Es war die erste Versammlung nach der Gründung). Als Punkt 1 stand auf der Tagesordnung ein Vortrag des genannten Mitglieds über die Bedeutung der Turnsache. Er führte aus, dass das Turnen nicht allein für die Entwicklung des Körpers, sondern auch ganz besonders für das Geistesleben der Menschen von hohem Werte sei. Er wies auf die Aussprüche verschiedener Schriftsteller sowie auch angesehener Zeitgenossen hin, die ebenfalls einen hohen Wert auf das Turnen legten"

 

1913 hatte der Verein bereits 68 Mitglieder

 

In der ersten Versammlung nach der Gründung wurde bereits eine Satzung beschlossen, bei der die "Statuten des TV Großen-Buseck und des TV Lich" Pate standen. Über die Stärke des Vereins wird erstmals am 24.10.1909 berichtet: "Der Verein hat nun 44 Mitglieder". Ende 1913 waren es bereits 68 Mitglieder. Davon waren, man höre und staune, 56 bei der Generalversammlung anwesend.

 

Jahresbeitrag 2,40 Mark

 

Der Wille zur Vereinsgründung setzte auch den Willen zu persönlichen und speziell finanziellen Opfern voraus. In erster Linie galt es, Turngeräte anzuschaffen. Bereits am 20. November 1908 wurde für 82,05 Mark ein Barren gekauft. Bei Mitgliedsbeiträgen von monatlich 20 Pfennig für Erwachsene und 10 Pfennig für Zöglinge, wie Jugendliche damals genannt wurden, konnte der Kaufpreis nur durch Spenden aufgebracht werden. Im Mai 1909 wurde für 55 Mark ein Reck angeschafft, das in zwei Raten bezahlt wurde. Der Kauf von je einem Pferd, Sprunggestell, Sprungbrett und Seil im Gesamtpreis von 111 Mark wurde durch eine Anleihe bei fünf Vorstandmitgliedern finanziert.

 

Lehrer Eisfeller, der erste Vereinsvorsitzende, erwarb sich große Verdienste

 

Der erste Vorsitzende in der Vereinsgeschichte, Lehrer Eisfeller, hatte sich große Verdienste um den Verein erworben. Er starb überraschend im Oktober 1910 und hinterließ eine fühlbare Lücke. Die Generalversammlung im gleichen Monat beschloß, dem Turnerbund "Lahn-Dünsberg", der zum ADT, dem Allgemeinen Deutschen Turnerbund gehörte, beizutreten.

 

Zu damaliger Zeit wurde nicht nur geturnt, sondern auch gesellige Veranstaltungen, Familienabende und reine Tanzvergnügen abgehalten. Laut Protokoll wurden dem Vereinswirt Ferdinand Gundrum bei einer Abendveranstaltung im Oktober 1910 für Licht und Brand 30 Pfennig bewilligt.

 

Wer eine halbe Stunde zu spät kam, musste 20 Pfennig Strafe bezahlen

 

Erwähn sei auch ein Ausflug auf den Hoherodskopf am 25. Mai 1912. "25 Mitglieder des Vereins marschierten um ½ 7 Uhr ab nach Lich. Von dort fuhren wir nach Schotten. Zu Fuß ging es über den Bilstein nach dem Hoherodskopf und Taufstein. Der Rückmarsch ging über Mücke und Grünberg." – Wer den angesetzten Turnstunden fernblieb oder mehr als eine halbe Stunde zu spät kam, musste 20 Pfennig Strafe zahlen.

 

Nach seinem Beitritt zum "Lahn-Dünsberg Turnerbund" beteiligte sich der Verein an Turnfesten in der Umgebung. Da es noch keine Autos gab und selbst Fahrräder Seltenheitswert besaßen, musste zu Fuß marschiert werden, so nach Dünsberg, Lich, Annerod. Womöglich wurde mit der Bahn, teilweise auch mit Leiterwagen gefahren. 1911 beteiligte sich der Verein in Atzbach erstmals am Musterriegen-Turnen. Unter 21 Riegen erkämpften sich die Reiskirchener Zöglinge einen achtbaren 9. Platz. Über dieses Fest schrieb eine Zeitung: "In den frühen Morgenstunden trafen zu Fuß, auf Leiterwagen und mit der Bahn die auswärtigen Turner ein." Weiter wurden Turnfeste in Großen-Buseck, Lollar, Ruttershausen, Wieseck, Steinbach, Waldgirmes und Staufenberg besucht.

 

Eintragung in das Vereinsregister

 

Gemäß noch vorhandener Satzung wurde der Verein 1912 unter dem Namen: Turnverein Reiskirchen in das Vereinsregister eingetragen. §1 der Satzung lautet: Der Turnverein Reiskirchen bezweckt die körperliche uns sittliche Vervollkommnung seiner Mitglieder zum Dienste des Vaterlandes. In der Ordnung für die Vorstandswahlen werden die Mitglieder des Vorstandes "Die Beamten des Vereins" genannt.

 

Aufwärtsstrebender Verein !

 

Die beiden letzten Jahre vor dem 1. Weltkrieg waren von einer regen Vereinstätigkeit gekennzeichnet. Besonders zu erwähnen ist das 1913 durchgeführte Sommerfest auf dem Kirschberg, das großen Anklang fand und eine im Februar 1914 veranstaltete Winterfestlichkeit, die "die kühnsten Erwartungen übertraf". "An die 280 Personen saßen dichtgedrängt und erfreuten sich an den Darbietungen."

 

26 Mitglieder mussten ins Feld ziehen

 

Die Wende und das vorläufige Ende des aufwärtsstrebenden Vereins brachte der Ausbruch des 1. Weltkrieges. Der Schriftführer berichtet: 26 Mitglieder mussten ins Feld ziehen. Unsere Musikkapelle begeleitete die Ausziehenden mit Trommelklang und Pfeifen zum Bahnhof.

 

Ende 1914 wurden überall Jugendwehren gegründet, die vormilitärische Ausbildung betrieben. Die Jugendwehr Reiskirchen hatte sich des TV-Spielmannzuge bemächtigt, worüber im Vorstand geklagt wurde. – 1915 kam das Vereinsleben ganz zum Erliegen. Sogar der Turnerbund hatte seine regelmäßigen Vorturnerstunden eingestellt.

 

Neubeginn nach Kriegsende

 

Bereist am 16. März 1919 fand eine Mitgliederversammlung statt, bei der von dem inzwischen ins Leben gerufenen Volksvereins der Versuch gemacht wurde, den Turnverein in einen Arbeiter-Turnverein umzuwandeln. Da der Lahn-Dünsberg-Bund eine solche Änderung ablehnte, blieb es bei dem alten Namen.

 

Am 19. März 1919 gedachte der Verein in einem Nachruf, der im "Gießener Anzeiger" erschien, den 18 gefallenen und einem vermissten sowie 4 in der Heimat verstorbenen Turnern.

 

Das erste Abturnen nach dem Kriege wurde am 31. August 1919 durchgeführt. Turner aus Burkhardsfelden wirkten als Gastturner mit, und einen Monat später turnten umgekehrt Reiskirchener Turner beim Abturnen in Burkhardsfelden.

 

Die Gründung einer Damenriege fiel "mangels passender Kleidung" erst mal ins Wasser

 

Bei der Herbstgeneralversammlung im Oktober 1919 stand als Punkt 5 die Gründung einer Damenriege auf der Tagesordnung. Der Plan konnte mangels passender Kleidung nicht verwirklicht werden. Die rege Vereinstätigkeit nach dem 1. Krieg war mit ein Verdienst des 1. Turnwartes Heinrich Walter. Abendfüllende Programme wurden durch vereinseigene Kräfte gestaltet. Turnfeste in der Umgebung wurden mit Eifer besucht und zum Teil recht gute Erfolge errungen.

 

Erste Gaubergturnfest in Reiskirchen

 

Aufgrund seiner Aktivitäten wurde dem Turnverein Reiskirchen vom Lahn-Düsnberg-Turnerbund das Gaubergturnfest übertragen. Diese erste Gauveranstaltung in unserem Verein fand am 19. September 1920 im Buchwald statt. Sie schloß im offiziellen Teil mit einem stattlichen Festzug bei gutem Wetter. Zur Freude aller Mitglieder hatte sich Heinrich Walter den Bergfestsieg erkämpft und außerdem waren weitere gute Plazierungen errungen worden. Bei dem abschließenden Tanz wurden während der Tanzpausen Reigen und Freiübungen gezeigt.

 

Sportverein Reiskirchen

 

Im Jahre 1921 hatten einige fußballbegeisterte junge Männer den Sportverein Reiskirchen gegründet. Aufzeichnungen von diesem Verein fehlen. 1922 fanden Gespräche wegen einer Verschmelzung beider Vereine statt, die in der gemeinsamen Generalversammlung am 14. Oktober 1922 beschlossen wurde. Der Verein führte nun den Namen Turn- und Sportverein Reiskirchen. Er hatte seiner Zeit 105 Mitglieder. Da etwa ab Mitte der zwanziger Jahre der Fußballsport infolge Platzmangels ganz zum Erliegen kam, nannte sich der Verein wieder Turnverein. Bis dahin wurden Turnfeste und Bundestagungen regelmäßig besucht. Dann häufen sich im Protokoll die Klagen über schlechten Turnstundenbesuch. An Turnfesten wurde nur noch selten oder überhaupt nicht teilgenommen. Für das Jahr 1926 ist eine Berichterstattung nicht vorhanden.

Frage: Soll der Verein aufgelöst werden ?

 

Die Misere bewog den damaligen 1. Vorsitzenden Ludwig Schäfer, im Januar 1927 eine Generalversammlung einzuberufen mit dem Tagungsordnungspunkt: Eventuelle Auflösung des Vereins. Die Generalversammlung war gut besucht und der 1. Vorsitzende hatte sein Ziel, die Gemüter wachzurütteln, voll erreicht. Außerdem wurde in dem jungen Lehrer Hugo Müller ein Mann an die Spitze des Vereins berufen, der nicht nur in der hiesigen Schule die Turnstunden hielt, sondern sich auch zweimal wöchentlich nachmittags bzw. abends in den Vereinsturnstunden nützlich machte. Fast zwangsläufig stellten sich Erfolge ein, die der guten Nachwuchsarbeit entsprangen. Es wurden wieder Abturnen gehalten und Wintervergnügen durchgeführt. Die letzte Eintragung im ersten Protokollbuch schließt mit dem Bericht über das am 25. September 1927 veranstaltete Abturnen, bei dem sage und schreibe 386 Eintrittskarten verkauft wurden.

 

1927 bis 1945 ohne protokollarische Unterlagen !

 

Da von 1927 bis 1945 jegliche Unterlagen fehlen, wird aus dem Gedächtnis und zum Teil aus eigenem Erleben berichtet. Der Aufwärtstrend im Verein setzte sich fort. Eine Schülermannschaft holte sich in Rodheim/Bieber den 1. Sieg in der 4x100 Meter Pendel-Staffel. 1931 war es die Mannschaft der Turner, die Gausieger ebenfalls in der 4x100 Meter Staffel in Salzböden wurde. Bergturnfeste und Gauturnfeste wurden regelmäßig von Reiskirchener Turnern besucht und zum Teil beachtliche Erfolge errungen. Kurzum, es herrschte wieder Leben im Verein.

 

1933 und die Jahre nach der "Machtergreifung"

 

Die Machtergreifung durch Adolf Hitler im Jahre 1933 führte auch im Bereich des gesamten Sportes zu Veränderungen. Der Allgemeine Deutsche Turnerbund und mit ihm der Lahn-Dünsberg-Bund war im Zuge der Gleichschaltung in die Deutsche Turnerschaft überführt worden. Der Übertritt des Lahn-Dünsberg-Bundes erfolgte beim Gauturntag am 25. Mai 1933 in Wieseck. Jetzt war das Turnen nicht mehr Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Es wurde, wie viele andere Sportarten, zur vormilitärischen Ausbildung. Dies lag im Sinne der politischen Führung. Da verschiedene "Organisationen" innerhalb der Nazi-Partei auch Sportfeste und sonstige Veranstaltungen durchführten, wurde es mitunter recht schwer für die Vereinsführung, Teilnehmer für reine Turnfeste zu gewinnen.

 

Überall dort, wo als Zeichen der Turner die vier "F" erschienen, war auch das Hakenkreuz zu sehen.

 

Gauturnfest in Reiskirchen am 8., 9. und 10. Juli 1933

 

Anfang 1933 rüstete man sich in Reiskirchen für das erste größere Turnfest. Das 25jährige Bestehen sollte gefeiert und eine Fahne geweiht werden. Durch die politischen Veränderungen war aus dem Gauturnfest ein Kreisturnfest geworden, bei dem alle Turner, gleich welcher Herkunft (Deutsche Turnerschaft, Allgemeine Deutsche Turnerschaft, Freie Turnerschaft) startberechtigt waren. Die meisten auswärtigen Turner reisten am Samstag, den 8. Juli an und wurden in Privatquartieren untergebracht. Als Festplatz dienten die damaligen "Dorfwiesen" (Gelände zwischen Grünberger Straße und Raiffeisenstraße). Während der Samstagabend einem Kommers vorbehalten blieb, war der Sonntagvormittag ausgefüllt mit turnerischen und leichtathletischen Wettkämpfen. Auch sogenannte Geländewettkämpfe wurden durchgeführt. Einem großen Festzug am Nachmittag, vor dem ein Gewitterregen niederging, folgten auf dem Festplatz Freiübungen. Höhepunkte waren u.a. die Siegerehrung und die Fahnenweihe durch Pfarrer Frank. Gott sei Dank ist die Fahne in ihrer ursprünglichen Schönheit auch in den Wirren der letzten Kriegswochen erhalten geblieben. Kurz vor dem 50jährigen Jubiläum beschloß der damalige Vorstand, sie auch in ihrer Form und Namensnennung, nämlich Turn-Verein Reiskirchen, zu belassen.

 

Aktivitäten nach dem Fest

 

Das Jubiläumsfest, aber auch die Unterstützung durch die Schule, hatten dem Vereinsleben mächtig Auftrieb gegeben. Eine Damenturnriege war gegründet worden und viele auswärtige Turnfeste wurden von Reiskirchenern besucht, u.a. auch landesoffene Feste wie Hoerodskopf-, Schrenzer- und Feldbergfest. In diesen Jahren waren Christian Möbus, Fried Balzer, Leonhard Launspach, Erich Opper u.a. immer für einen der ersten Plätze gut. Ein besonderer Höhepunkt war der Besuch des Deutschen Turn- und Sportfestes 1938 in Breslau durch Ewald Jünger (Vorsitzender), Erwin Sack (Kassenwart) und Leonhard Launspach. Letzterer konnte sich als aktiver Turner im leichathletischen Dreikampf platzieren und hatte die Ehre, die Vereinsfahne beim großen Festzug drei Stunden durch Breslau zu tragen.

 

Durch die kriegerischen Ereignisse und die Einberufung aller wehrfähigen Männer kam das Vereinsleben mehr und mehr zum Erliegen, um schließlich ganz zu verlöschen.

 

Wiederaufbau ab 1946

 

Als sich die aus dem Krieg keimkehrenden ehemaligen Soldaten an ein "Zuhause" gewöhnt hatten (24 Mitglieder waren gefallen, 12 blieben vermisst) begann der Wunsch nach sportlicher Betätigung. Da die Turnvereine von den Besatzungsmächten als militärisch eingestuft und verboten worden waren, gründeten einige junge Männer die fußballspielende Sportgemeinde Reiskirchen. Innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit wurden auch Turnstunden gehalten. Da die Turngeräte des ehemaligen Turnvereins benutzt wurden, entstand der Wunsch nach einer Aufnahme der früheren TV-Mitglieder in den neuen Verein. In der Generalversammlung vom 18. Januar 1947 wurde die Einigung vollzogen und der Verein Turn- und Sportgemeinde Reiskirchen genannt. Unter diesem Namen mit dem Zusatz 1908 e.V. wurde er auch am 11. Juni 1958 in das Vereinsregister beim Amtgericht Gießen eingetragen.

 

Die Zeit vor der Währungsreform war erfüllt von Sorgen um die Materialbeschaffung. Sporthosen, Sportschuhe, Trikots, Bälle, Geräte usw. gab es nur mit guten Beziehungen. Dafür war die Opferbereitschaft und die ideelle Einstellung beispielhaft. Probleme gab es auch mit der Vereinsgaststätte, da unser Vereinswirt Ferdinand Gundrum evakuiert und die damalige ale Schule eingewiesen worden war. Im Herbst 1947 war diese schwere Zeit beendet und die TSG konnte als erster Verein in den altbekannten Räumen des Gasthauses "Zum Hirsch" ihr Abturnen feiern. Der Saal und ein Tanzboden im Garten standen bei turnerischen Vorführungen und beim Tanz zur Verfügung, so dass dieser Veranstaltung ein voller Erfolg beschieden war.

 

Die Zeit nach der Währungsreform

 

Nach der Währungsreform war der Verein finanziell am Punkt Null angekommen. Es galt insbesondere die Mitgliedsbeiträge an die veränderte Situation anzupassen. So wundert es nicht, dass auf der ersten Sitzung des Vorstandes nach der Geldentwertung "Die Finanzlage des Vereins" auf der Tagesordnung stand.

In der Folgezeit wurde versucht, mit allen möglichen, insbesondere auch kulturellen Veranstaltungen die Vereinskasse aufzubessern. Eine Laienspielgruppe wartete jeden Winter mit einem Theaterstück auf. Regelmäßig wurden, ebenfalls im Winterhalbjahr, Familienabende abgehalten, wobei das volle Programm von Vereinsmitgliedern gestaltet wurde. Das traditionelle Abturnen im Herbst und reine Tanzvergnügen rundeten das Jahresprogramm ab. Darüber hinaus war es möglich, mit unseren Gruppen (Turner und Turnerinnen, letztere besonders mit Reigen) andere Vereine bei entsprechenden Veranstaltungen zu unterstützen.

 

Die Turner formieren sich

 

Dank des Einsatzes des ehemaligen Gauriegenturners Philipp Launspach, der vom 1. Vorsitzenden L. Launspach inspiriert worden war, und des Lehrers Paul Fritzges war es gelangen, das Interesse am Geräteturnen zu wecken. Bereits 1953 wurde die Jugendriege beste Gaumannschaft. In der Folgezeit wurden Riegen aus Atzbach, Wismar, Großen-Buseck, Watzenborn-Steinberg, Hochelheim, Alsfeld, Butzbach, Kalbach/Taunus, Eggenstein bei Karlsruhe und Oelde/Westfalen zu eindrucksvollen Turnwettkämpfen verpflichtet. Die Turnfahrten nach Eggenstein und Oelde wurden zu besonderen Erlebnissen. 1964 wurde die aktive Turnriege mit Ernst Nießner, Horst Marschalek, Herrmann Reichel, Werner Gundrum und Karl-Heinz Scheld Gaugerätemeister. Nicht zu vergessen ist Ewald Brück, der viele Jahre als Turnwart fungierte.

 

Die Begeisterung und der Einsatz waren vorbildlich. Daraus ergab sich fast von selbst, dass Landesturnfeste und Deutsche Turnfeste in der Zeit von 1953 bis 1973 regelmäßig besucht wurden. Die mitgebrachten Fahnenschleifen schmücken unsere Vereinsfahne und sich Zeugen dieser ruhmreichen Vergangenheit. Es gab teilweise gute persönliche Erfolge und beste Bewertungen beim Vereinsriegenturnen.

 

Bei den Turnerinnen waren es die Übungsleiter Heinrich Peter, Edelgard Biedenkapp, geb. Seipp, u.a., die für den Nachwuchs sorgten. Besonders mit ihren Reigen haben sie damals viele Zuschauer erfreut.

 

Schülerturnen

 

Wer die Jungend hat, hat die Zukunft. Dieser Spruch hat sich auch in unserer Turnabteilung bewahrheitet. Schon im schulpflichtigen Alter wurden die jungen Mitglieder an das Turnen herangeführt, so dass bei den Kinderturnfesten des Turngaus, die mit teilweise bis zu 50 Kindern besucht wurden, hervorragende Ergebnisse erzielt wurden. Auch an dieser Stelle sei das erfolgreiche Wirken von Lehrer Paul Fritzges lobend erwähnt.

 

Geräteturnen nicht mehr von Interesse

 

Wie in vielen Vereinen, so erlosch auch in unserem Verein langsam das Interesse am zwar schönen, aber schwer erlernbaren, Kraft, Mut und Ausdauer erfordernden Geräteturnen. Sicher hat das Fehlen von geeigneten, begeisterungsfähigen Übungsleitern zu dieser Entwicklung beigetragen. Hinzu kam, dass vier unserer Turner nach auswärts verzogen. Mitverantwortlich dürfte auch der Drang der heutigen Jugend nach dem Spiel mit dem Ball sein.

 

Turnerische Leichtathletik

 

Das früher unter der Bezeichnung "volkstümliches Turnen" betriebene Laufen, Springen, Werfen, Stoßen wird seit einigen Jahren im Deutschen Turnerbund auch Leichtathletik genannt.

 

In dem Maße, in dem die Turnerei an den Geräten nachließ, entwickelte sich die turnerische Leichtathletik zur höchsten Blüte in der Vereinsgeschichte. Diese Entwicklung wurde begünstigt durch den Ausbau des Sportgeländes an der Jahnstraße. Es gab jahrelang kein Turnfest im Gau, an dem nicht Mitglieder unseres Vereins die ersten Plätze bei den leichtathletischen Mehrkämpfen und bei Einzelwettbewerben belegten. Auch bei den landesoffenen Bergturnfesten auf dem Hoherodskopf, dem Großen Feldberg im Taunus, dem Rhönbergfest u.a. wurden Reiskirchener Bergfestsieger oder belegten vordere Plätze.

 

Namen wie Heinz Spamer, Arnold Lotz, Herrmann Reichel, Werner Damm, Heidi Damm, geb. Brückmann u.a. sind für immer mit diesen großartigen Erfolgen verbunden. Werner Damm und seiner Frau Heidi gelang es, dreimal hintereinander Bergfestsieger auf dem Hoherodskopf zu werden. Im DTB-Jahrbuch der Turnkunst sind Turner der TSG Reiskirchen fünfmal als Turnfestsieger verzeichnet. Jahrelang gehörten Heinz Spamer, Arnold Lotz, Werner Damm und seine Frau Heidi zur Leichathletikauswahl des Hessischen Turnverbandes. Sie errangen auch bei den Mehrkampfmeisterschaften des Deutschen Turnerbundes achtbare Plazierungen. Werner Damm wurde sogar hessischer Jugendmeister im leichtathletischen 5-Kampf 1968.

 

Die Vielzahl der Erfolge lässt eine Aufzählung im einzelnen nicht zu. Dennoch sollen zwei Ergebnisse besonders genannt werden. Beim Deutschen Turnfest 1963 in Essen beteiligten sich 5 Mitglieder unseres Vereins am leichathletischen Sechskampf. Mit ihren Plazierungen bzw. Punktezahlen zusammen gerechnet belegten sie den 1. Platz in ganz Hessen und wurden im "Hessenturner" lobend erwähnt.

 

1976 beim Feldbergfest wurden alle 4 Mannschaftenswettbewerbe gewonnen

 

In Essen hatte übrigens Leonhard Launsbach nach 25 Jahren wieder Gelegenheit, sich einen Siegerkranz bei einem Deutschen Turnfest zu holen. Bei dem ältesten und größten deutschen Bergturnfest, dem Feldbergfest, wurden 1976 alle 4 Mannschaftswettbewerbe gewonnen. Ein Ergebnis, das dort noch keinem Verein gelungen war, obwohl das Fest von vielen Großvereinen aus dem Rhein-Main-Taunus-Gebiet beschickt wird.

 

Zu den besonderen Erlebnissen zählten auch die Staffelsiege, die unsere Turner reihenweise errangen. Als ersten großen Erfolg hatte die Mannschaft Heinz Spamer, Herrmann Reichel, Godfrid Schäfer und Egon Magel die 4x100 Meter Pendel-Staffel 1959 auf dem Hoherodskopf gewonnen. 1961 holte das Sprinter-Quartett Herrmann Reichel, Volbert Alexander, Heinz Spamer und Arnold Lotz mit dem Gewinn der 4 x 100 Meter-Staffel beim 105. Feldbergfest den großen Jahn-Schild-Wanderpreis nach Reiskirchen. Arnold Lotz wurde bei diesem Fest Feldbergsieger.

 

Wenige Jahre später errang die Jugendstaffel mit Werner Damm, Arno Schmitt, Rainer Döring und Karl-Heinz Sellig den 4 x 100 Meter Staffelsieg bei der Jugend, ebenfalls auf dem Feldberg. Reiskirchen wurde in diesen Jahren durch seine Turner weit über seine Grenzen hinaus bekannt. Der Einsatz und das Mitwirken des damaligen Abteilungsleiter Erich Damm verdient eine besondere Würdigung.

 

Nicht unerwähnt sollen die Wettkämpfe bleiben, die sich unsere Turner-Leichtathleten mit den Vereinen Beuern, Groß-Buseck, Lollar, Steinbach u.a. lieferten. Die dabei errungenen Wanderpreise zieren noch heute das Sportheim.

 

50jähriges Jubiläum

 

Am 23. und 24. August 1958 feierte der Verein sein 50jähriges Jubiläum. Dieses war verbunden mit der Ausrichtung des Bergturnfestes des Turngaues Mittelhessen, für das auf der Trauschel "Wettkampfanlagen" hergerichtet worden waren. Rund 300 Wettkämpfer rangen um Sieg und Punkte, wobei auch noch Geräteturnwettkämpfe durchgeführt wurden. Dem Fest war tags zuvor eine Kranzniederlegung am Ehrenmal mit Enthüllung der neu geschaffenen Ehrentafel vorausgegangen. In dieser Tafel sind unter Glas die Bildnisse der in beiden Kriegen gefallenen und vermissten Vereinsmitglieder eingelassen. Die Ehrentafel wurde in vorbildlicher Ausführung von dem akademischen Bildhauer Ernst Pietzko geschaffen.

 

Der Samstagabend war einem Kommerz im Saale Gundrum vorbehalten, bei dem Ehrungen, insbesondere der noch lebenden 9 Gründer, im Mittelpunkt standen. Ein reichhaltiges Programm, gestaltet von der Turnabteilung, fand großen Beifall.

 

Am Sonntag fand ein Festzug die Aufmerksamkeit der Reiskirchener Bevölkerung. In Gundrums Garten war ein Tanzboden verlegt, auf dem nicht nur getanzt, sondern auch Radball von zwei Krofdorfer Mannschaften dargeboten wurde.

 

Die Sportstättenfrage in Reiskirchen

 

Das Turnen an den Geräten fand von Anfang an im Saale des Vereinswirtes Ferdinand Gundrum statt. Hier wurde Jahrzehnte, nämlich von 1908 bis 1963, geübt und geturnt sowie alle sonstigen Vereinsveranstaltungen durchgeführt.

 

Da sich fast das gesamte übrige Vereinsleben des Ortes auch im Saale Gundrum abspielte, mussten manchmal Kompromisse hinsichtlich der Nutzung eingegangen werden.

 

1963, mit der Einweihung der Mittelpunktschule und der miterbauten Turnhalle, wurde zwar eine geeignete Übungsstätte geschaffen, für Wettkämpfe war diese Halle jedoch nicht akzeptabel, da Zuschauer nur in Turnschuhen Zutritt erhielten. Außerdem entstand nun ein finanzielles Problem, denn der Zweckverband Mittelpunktschule stellte nicht gerade geringe Nutzungsgebühren in Rechnung. Diese fielen mit dem Übergang der Schulen an den Landkreis weg.

 

Eine Übungsstätte im Freien zum Laufen, Springen, Werfen und Stoßen hatten die Gründer des Vereins vor dem ersten Krieg auf dem sogenannten Eisenbahnrasen (Gelände zwischen Bersröder Straße und Bahnkörper) gefunden. Dieser Platz wurde im Herbst 1912 eingezäunt. Nach dem Krieg wurde auf der "Oberlinde" und auf dem Schulrasen (letzterer ist jetzt Standort der Gemeindeverwaltung und des Bürgerhauses) trainiert. Auch Wettkämpfe wurden dort durchgeführt. Da eine 100-Meter Bahn nicht zur Verfügung stand, musste in der Kastanienallee (jetzt Grünberger Straße Richtung Gießen) gelaufen werden. Ein Provisorium war auch der Sportplatz an der Trauschel, den sich 1921 der Sportverein für sein Zwecke hergerichtet hatte.

 

Im Mittelpunkt aller Überlegungen der Verantwortlichen stand nach dem letzten Krieg die Sportplatzfrage. Nach einigem Hin und Her wurden mit Einverständnis des damaligen Bürgermeisters Philipp Balser die Ochsenwiesen nahe bei Hattenrod mit Beschlag belegt. Vorher war der Versuch gescheitert, die 1932 vom Freiwilligen Arbeitsdienst angefangene Planierung des Platzes, wo jetzt die Mittelpunktschule steht, so voranzutreiben, dass Fußball hätte gespielt werden können. Zum Glück stand in diesen Jahren die Flurbereinigung an. Durch mancherlei Verhandlungen konnte erreicht werden, dass ein unsere Vorstellungen entsprechender Platz an der Jahnstraße in dem Nutzungsplan der Gemeinde ausgewiesen wurde.

 

1951 endlich ein Sportplatz in Reiskirchen

 

Am 19. August 1951 wurde dieser Platz mit einem Festakt eingeweiht. Nun war nicht nur eine sportliche, sondern auch eine finanzielle Basis für die Weiterentwicklung des Vereins vorhanden, denn ein Sportplatz "vor dem Haus" bringt mehr Zuschauer als ein Platz bei Hattenrod.

 

Im Jahre 1958 wurde der Platz neu hergerichtet und erweitert. Die früher schon jährlich durchgeführten Abturnen wurden in Ortssporttage umgewandelt, alle Mitbürger zum Mitmachen aufgerufen und so die Leibesübungen in das Bewusstsein der Reiskirchener Bevölkerung gebracht. Als Anfang der siebziger Jahre die Großgemeinde Reiskirchen zustande kam, versuchte man, die Ortsporttage auch in andere Gemeindeteile zu verlegen. Der Versuch misslang und die schöne Einrichtung eines Tages des Sports für alle schlief nach 15 Jahren ein.

 

Sportheim in Eigenleistung

 

Nicht nur ein Sportplatz war nach dem letzten Krieg eine Forderung aller Aktivisten, sondern auch eine Gelegenheit zum Umziehen, Waschen und Duschen unmittelbar am Platz. Da die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde durch den Bau der Mittelpunktschule eingeschränkt waren, schritten die Mitglieder 1962 zur Selbsthilfe. Eine besondere Parzelle wurde dem Verein von der Gemeinde in langjährige Pacht überstellt. In einer Gemeinschaftsaktion großen Stils wurde der Bau in Eigenleistung errichtet und am 28. Juli 1963 mit einem Festakt seiner Bestimmung übergeben. Finanzielle Hilfen gewährten dabei das Land Hessen, der Landkreis Gießen, die Gemeinde Reiskirchen, der Hessische Fußballverband und die Deutsche Olympische Gesellschaft. Außerdem hatten viele Mitglieder sogenannte Bausteine gezeichnet. Der lobenswerte Einsatz des damaligen Schriftführers Willi Damm ist gebührend zu erwähnen.

 

Herrichtung eines Kleinfeldes für Handball

 

Inzwischen war Interesse am Handballspielen entstanden. Das 1965 provisorisch hergerichetete Kleinfeld wurde 1968 von Grund auf instandgesetzt und zu einem Hartplatz ausgebaut. Mit dieser Maßnahme war auch der Ausbau der 100-Meter Laufbahn verbunden.

 

1965 Gau-Kinderturnfest in Reiskirchen

 

Als einzige größere Veranstaltung fand 1965 auf dem Sportgelände an der Jahnstraße das Gaukinderturnfest statt, bei dem rund 1100 Kinder um Sieg und Punkte kämpften.

 

Spielmannszug

 

Die Vereinsgeschichte hätte eine Lücke, würde nicht vom Spielmannszug berichtet. In früheren Jahrzehnten waren es die Turner, die sich dieser Musik angenommen hatten. Mit klingendem Spiel marschierten sie zu den Wettkämpfen. Im Turnverein hat mit Sicherheit schon 1909 ein Spielmannszug bestanden, denn im Protokoll vom 17. April 1910 steht: "Ferner wurde noch beschlossen, 4 Pfeifen zu Mark 14 zu nehmen, da wir bis zu diesem Tage die Pfeifen der Schüler in Gebrauch hatten". Bei Turnfesten uns Wanderungen waren die Spielleute dabei, um wie bei der Hoherodskopfwanderung im Mai 1912, "die Gesellschaft in frohe Stimmung zu versetzen." Nach dem ersten Krieg waren es wieder einige Turner, die sich dieser Musik widmeten. Das Turnfest zum25-jährigen Jubiläum 1933 brachte, wie eine Aufnahme aus dieser Zeit zeigt, eine erfreulichen Aufschwung. Allerdings währte es nicht lange, bis sich die SA des Spielmannszuges "angenommen" und zu sich herüber gezogen hatte.

 

Erster öffentlicher Auftritt des Spielmannszuges: 14. Oktober 1951

 

Am 16. Mai 1951 wurde in einer Vorstandssitzung der Turn- und Sportgemeinde und der Freiwilligen Feuerwehr beschlossen, gemeinsam einen Spielmannszug aufzustellen bzw. wieder ins Leben zu rufen. Dieser Zug trat am 14. Oktober 1951 bei einem Umzug in Reiskirchen erstmals vor die Öffentlichkeit. Er wirkte einige Jahre bei Turnfesten und Feuerwehrfesten auswärtiger Vereine und gleichermaßen hier im Ort mit. Im Januar 1962 ging der Spielmannszug nach vorheriger Vereinbarung in die alleinige Obhut der Freiwilligen Feuerwehr Reiskirchen über. Mit ein Grund für diese Entwicklung bzw. Aufgabe des Spielmannswesen in der TSG waren die steigenden Unterhaltungs- und Neuanschaffungskosten.

 

Wandern

 

Was in der Turnbewegung von Anfang an als Teil der körperlichen Betätigung gepflegt wurde, ist wieder modern geworden. Das wandern ! Sicherlich würden sich frühere Turnerführer von herzen freuen, einen Volkswandertag, wie er in neuerer Zeit von vielen Vereinen durchgeführt wird, mitzuerleben. Auch in unserem Verein werden seit einigen Jahren Wandertage veranstaltet. Da Wandern für jung und alt gleichermaßen gesund ist und von allen Altersgruppen mitgemacht werden kann, ist dieser sportlichen Betätigung für die Zukunft bester Erfolg zu wünschen.